Keine Kreuzchen mehr

und warum ich entschieden habe,

nicht mehr zu wählen

Salut,

 

mit Blick auf politische Wahlen, möchte ich ein paar Gedanken in diesem offenen Brief mitteilen.

 

Vor einer Weile habe ich entschieden, nicht mehr an politischen Wahlen teilzunehmen. Klar, ich könnte einfach nicht mehr zur Wahl gehen, fertig und gut. Trotzdem schreibe ich diesen offenen Brief, der Ausdruck dafür ist, dass meine Stimme nicht verschwindet. Ich gebe sie nur nicht mehr ab bei einer Wahl, was, nebenbei bemerkt, sich tatsächlich auswirkt auf meine eigene Stimme.

Da einige Menschen, die ich kenne, politisch aktiv sind, finde ich auch, Ihr solltet es einfach wissen.

Mit meiner Entscheidung rufe ich nicht andere auf, nicht mehr zu wählen. Das Leben zu erfahren und sich eigene Gedanken machen, ist für mich ein Geschenk. Und es sind meine eigenen Erfahrungen und Gedanken, die mich zu dieser Entscheidung gebracht haben.

 

*

 

„Sebastian lebt in seiner eigenen Welt.“ Das ist ein Satz, den ich seit ich auf der Welt bin oft über mich gehört habe von Menschen, die, so vermute ich, nicht wirklich in ihrer eigenen Welt leben. Dass ich in meiner eigenen Welt lebe, stimmt vollkommen. In welcher Welt, außer meiner eigenen, sollte ich auch sonst leben?

 

Für mich ist es beispielsweise normal mich mit den Pflanzen im Garten zu unterhalten, die Bäume im Wald zu fragen, wie es ihnen geht, und die heilige Maria hat mir in wachen Träumen schon Sachen erzählt, die ich an dieser Stelle nicht erzähle, das wäre zu viel, und vielleicht würden ein paar von Euch dann tatsächlich denken: „Der hat echt einen neben sich gehen.“

Was ja auch stimmt, und zwar nicht nur einen, sondern, wie gesagt, auch eine, ja, ganz viele. Ich bin sozusagen immer in bester Gesellschaft. Und selbst wenn die mal weg sind: Ich bin da.

 

Ich bin mir selber Vater und Mutter und Kind. In meiner Welt herrscht Liebe und Freude. Und wer mir in mein Gärtchen zu pieseln probiert, gießt bloß sein eigenes.

So mache ich keine Kreuzchen mehr, um Vater Staat zu supporten und bin auch nicht Teil irgendeiner Kirche, die ein Kreuz anbetet, an der ein toter Mann mit schmerzverzerrtem Gesicht hängt. Entsprechend identifiziere ich mich auch nicht mit deren Kind, nämlich einem System, in dem es ausschließlich um wirtschaftliche Interessen geht und darum auf Kosten anderer zu leben. Das Kreuz ist in mir und bedeutet dort etwas ganz anderes (s. Der Felsensatz und das Lächeln der in ihrer Unbewegtheit allmächtigen Masse, der Essay ist zu finden im Journal meiner Webseite)

Es ist ganz natürlich für mich so in der Welt zu sein mit allen Herausforderungen, die das mit sich bringt. Doch wenn ich mit anderen Menschen zusammen bin, stelle ich zuweilen fest, dass für viele solche Dinge nicht so normal sind. Alle Menschen sind anders und einzigartig. Viele zeigen das nur nicht. Das ist auch voll okay.

 

Trotzdem stimmt mich folgender Aspekt meiner Lebenserfahrung nachdenklich: Ich lebe in einer Gesellschaft, in der Menschen, die anders sind, die anders denken und handeln, als die meisten, oft nicht nur belächelt oder kritisiert werden. Viele möchten sie, so wie sie sind, am Liebsten weg haben.

Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern das, was ich erfahre und beobachtet habe. So arbeitete ich etwa in Grundschulen, in denen Kinder, die ihre Andersartigkeit mit ihrer ganzen Energie zum Ausdruck bringen, Medikamente bekommen, anstatt wirkliches Verständnis für den Ursprung ihre Art.

 

Wenn ich behaupte, in meiner eigenen Welt zu leben, muss ich gleichzeitig feststellen, dass ich so eine Gesellschaft immer wieder mitgestaltet habe, auch durch meine Teilhabe an politischen Wahlen. Ich verstehe mich, als Mensch, der hier ist, um zu lernen und um mich und auch diesen schönen Planeten weiter zu entwickeln, Schritt für Schritt. Das bedeutet auch, alte Konzepte und Denkgewohnheiten loszulassen, damit ich mich erneuern kann.

Durch diese natürliche Dynamik fühle ich immer eine Art gelassener Basis für alles, egal, was mit mir und was in der Welt passiert. Um die Wahrheit zu sagen, ist es die göttliche Natur. Sie verbindet mich, versöhnt mich mit ausnahmslos allem, was ich bin, was ich wahrnehme.

 

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Es gibt im Moment genügend Beispiele dafür, dass Wahlen oft von denen gewonnen werden, die am meisten lügen. Diese Menschen sind allerdings nicht in der Lage eine Gesellschaft mit Weisheit zu führen. Die Fähigkeit, Wahlen zu gewinnen und eine Gesellschaft zu führen, sind verschieden.

Mein Gefühl ist klar, wir, als Kollektiv, stehen am Beginn einer völlig neuen Art des Mensch Seins, das vor allem ein Bewusstsein erkennen lässt für sich Selbst und für die ganzheitlichen und vielfältigen Ursprünge des Lebens. Das Wort „heilig“ stammt vom Wort „ganzheitlich“ (englisch: whole - holy) ab. Und so ist das Leben. Alles ist heilig, alle Menschen, keiner mehr, keiner weniger.

Für sowas brauch’s keine Führenden, die einen epischen Soundtrack wiederholen, sondern Orte, an denen Menschen, ob Mann, ob Frau, ob jung, ob alt, ob alternativ, ob konservativ, whatever, einander wirklich zuhören und voneinander lernen können. Und von da aus mit ihrer eigenen Stimme entscheiden.

Vor diesem Hintergrund sind auch die Corona-Krise oder die Wirtschaftskrise für mich eher Krisen eines Bewusstseins. Das Wort Krise stammt übrigens von dem Wort „Entscheidung“ (griechisch: krisis). Wer sich in seinem göttlichen Selbstbewusstsein auf- und ausrichtet, der weiß, dass es hier nicht mal eine Entscheidung brauch, es ist entschieden, durch den Freien Willen, der in Wirklichkeit, die Freiheit des göttlichen Willens bedeutet, keine freie Wahl für eine Farbe, eine Partei, einen Klassensprecher.

Auch das sich wandelnde Klima ist entsprechend keine Krise im Sinne einer gefährlichen Zuspitzung. Die Krise entsteht, weil zu wenige Menschen die Bereitschaft zeigen, den Wandel des Klimas wirklich zu begreifen und sich so mit dem Klima mit zu verändern, sprich, sich zu wandeln.

 

In einer Demokratie können immer nur die Gewinner entscheiden, also jene, die in der Mehrheit sind, niemals diejenigen, die in der Minderheit sind. Dadurch glauben die meisten Menschen, dass die Mehrheit recht hat. Dabei kann ein einzelner Mensch besonders geniale Dinge überlegt haben und kommt vielleicht zu Lösungen und Schlüssen, die andere nicht verstehen, weil sie Angst haben und ihr Selbst- und Weltbild ganz eng ist. Der eine Mensch kann dann trotzdem mit seinen Gedanken ganz im Vertrauen sein, als seine eigene Königin, weise, leise, vielleicht so, wie ein Lächeln.

 

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Seit ich kann, gehe ich zur Wahl. Ich habe dann jemandem oder einer Partei meine Stimme gegeben.

Außer der AfD habe ich in meiner Zeit als Wähler schon alle der größeren Parteien mal gewählt, meistens grün und rot oder rot, manchmal schwarz und gelb, und einmal die Tierschutzpartei.

Tatsächlich hatte ich ein paar Wochen danach oft das Gefühl, meine Stimme ist weg. Und wenn ich mich dann in politische Diskussionen eingebracht habe, habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich, als einzelner Mensch, so wie ich bin, gar nicht wirklich gehört werde beziehungsweise viele Leute genervt waren. Ich dachte, da ich meine Stimme abgegeben hatte, werde ich auch gehört. Aber nur sehr Wenige hörten wirklich zu.

 

Ich erinnere mich hierbei auch an eine Art Reflex in öffentlichen politischen Diskussionen, mit dem häufig betont wurde, wie wichtig es sei, sachlich zu bleiben und Emotionen und Gefühle bei Seite zu lassen.

Sachlich und gefühlvoll geht auch zusammen. Die sind Freunde.

Wenn ich Nachrichten anschaue, finde ich, es drückt sich momentan auf den Straßen und in den Städten aus, was passiert, wenn Gefühle und Emotionen bei Seite gelassen werden. Sie explodieren, meistens an den sogenannten Rändern der Gesellschaft.

Ich weine öfters ein Ründchen und haue beim Schwimmen manchmal etwas fester ins Wasser, wenn ich sehe, wie wir zum Beispiel mit der Natur des Planeten umgehen. Das erspart mir und Menschen in meinem Umfeld irgendwelche Explosionen – also, liebe Nachbarn, keine Sorge.

 

Ich weiß, dass alles gut wird. Ich frage mich manchmal allerdings, was noch alles geschehen muss, damit wir kapieren.

 

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Irgendwie logisch, dass Menschen, die ihren eigenen Weg gehen, die völlig anders denken, sich in einem System, dass nur über die Mehrheit funktioniert und nicht über die Ränder, nicht zurecht finden und wohl fühlen. Und logisch ist für mich auch, dass die Ränder sich oft nur noch extrem gebären. Sie wollen auch unbedingt mal die Mitte sein, mit der sie eine entscheidende Eigenschaft teilen: Sie gehen beide im wahrsten Sinne des Wortes nicht über den Tellerrand hinaus. Und je mehr am Rand sie sind und je mehr sie dort hingedrückt werden, desto lauter und schräger schreien sie und desto ängstlicher wird die Mitte vom Thron gestoßen zu werden.

Aktuell empfinde ich die Situation so, dass jener Teller im freien Fall ist, kurz vor dem Aufprall. Alle wissen, er wird in seine Einzelteile zerbrechen. Das Angst machen, weil das maximale Veränderung bedeutet. Ich weiß um die Herausforderung, doch empfinde angesichts dessen keine Angst. Ich liebe es Dinge neu zu machen, neu zu denken, zu fühlen und zu handeln. Und auch die Metapher, dass Scherben Glück bringen, zählt an dieser Stelle.

So möchte ich auch nicht wählen, um extreme Positionen zu vermeiden. Es brauch wirklich etwas anderes, und etwas anderes ist, um ehrlich zu sein, wirklich etwas ganz anderes. Ob das nun in ferner oder naher Zukunft liegt, mal sehen. Ich bin hier. Und ich bin geduldig.

 

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Als selbstständiger Künstler, dessen Einnahmen durch Absagen von Veranstaltungen, Ausstellungen und Projekten fast für’s ganze Jahr wegfallen und der in der Pyramide der Bezahlung ziemlich unten steht, bin ich aktuell mit Herausforderungen konfrontiert, dass die Balken dieser Pyramide sich nicht nur biegen, sie krachen komplett ein, auch wenn viele Leute aus Wirtschaft und Politik davon nichts hören möchten im Moment. Ich hingegen kann sagen, dass ich nicht mehr hinhöre, wenn mir Experten die Komplexität eines Systems erklären, das schlicht und einfach nicht mehr funktioniert angesichts der Herausforderungen der Zeit, weil es auf dem Prinzip der Ausbeutung von begrenzten Ressourcen fußt, der Ressourcen der Natur, der Tiere, genauso wie jener von uns Menschen untereinander.

 

Kleines Beispiel: Die Corona-Soforthilfe, die ich beantragt und im März erhalten hatte, ist ein Witz, den ich und viele andere Soloselbstständige und Freiberufler erst jetzt verstanden haben, als die Aufforderung kam, den Betrag zurückzuzahlen, der für Lebenshaltungskosten, wie Lebensmittel oder Miete verwendet wurde. Wumms.

Eine Maßnahme, wie die Corona-Soforthilfe, macht nur Sinn für Unternehmen, die sowieso genug Geld auf Tasche haben.

Es hat allerdings auch Vorteile unten zu stehen. Man steht auf dem Boden der Tatsachen und kann gleich mit dem Fundament für das Neue beginnen.

 

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Welche Aspekte ich zu diesem Fundament gebe? Zum Beispiel die Vision einer Welt, in der sich alle Menschen als Gewinner fühlen, weil das Konkurrenzbereitschaft und irgendwelche Wahlkampfstrategien, um Leute für sich zu gewinnen, überflüssig macht; einer Welt, in der das System nicht auf begrenztem Geldwert aufbaut, sondern auf unbegrenztem Lebenswert und auf Balance; einer Welt, in der wir die Qualität der Verwundbarkeit von uns Menschen, genauso wie der Tiere und der Natur dieses Planetens nicht länger leugnen; in der jeder Mensch seinen Namen nennen und einen Satz sagen kann, wie: Ich bin einfach göttlich, ich bin…das bin ich – und zwar nicht mehr und nicht weniger, als irgendjemand anderes auch.

 

Danke für Eure Aufmerksamkeit und liebe Grüße,

 

Sebastian

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