Ins Blaue

und etwas über die alleinige

Natur der Materie

„…wird die Materie nun zerstört oder nicht?“ Der Erlöser sagte:
„Jede Natur, jede Gestalt, jede Kreatur, sie existieren in einander
und mit einander und sie werden wieder aufgelöst werden in ihre
je eigene Wurzel. Denn die Natur der Materie wird aufgelöst
in ihre alleinige Natur. Wer Ohren hat zu hören, der möge hören!“

Die ersten vier Sätze aus dem Evangelium der Maria

*

In der Nacht von Dienstag, den 19., auf Mittwoch, den 20. Januar 2021, träumte ich Folgendes:

Zusammen mit meiner Schwester und Mutter wanderte ich ohne Schuhe durch eine Wüste, eine trockene und steinige Gegend. Die Landschaft wellte sich in Hügeln. Es erinnerte mich an Buchenstämme, deren Rinde, wenn man sie befühlt, auch solche milden Buchtungen abbildet, die sich spiralförmig in die Kronen winden.

In der Wüste im Traum waren keine Bäume und der Himmel ein einziges Sonnenlicht, kein Wolkenweiß, kein Himmelblau, nur die Farben von hellem Sand und Kieseln zusammen mit dem orangen Leuchten der Luft. Auch wenn die Farbgestaltung eher eintönig schien, war ich nicht gelangweilt. Ich fands friedvoll und warm und mochte es so durch die Gegend zu spazieren, ziellos und gleichsam geführt.

So kamen wir einen Hügel hinab. Mit jedem Schritt staubte es ein bisschen und es knisterte unter unseren Bloßfüßen. An den Hängen saßen Studenten in kleinen Grüppchen. Einzelne waren vertieft in Lektüren, andere unterhielten sich.

Wir gingen einen Berg herunter, ein paar Büsche und eine schmale Furt im Tal zeugten davon, dass hier mal ein Quellfluss sprudelte, der, wie ich dachte, nicht vertrocknet, sondern einfach umgezogen war. Ein Heidschnucken mit schwarzem und weißem Fell lag im trockenen Flussbett der Senke. Es lag da wie schlafend oder tot. Es schien keinen Unterschied zu machen. Alles war okay so und wir wanderten weiter auf der anderen Seite einen Hügel hinauf.

Je höher wir kamen, desto mehr Farben gab es, vor allem Grün. Pflanzen wuchsen, frische Kräuter und Sträucher. Es machte Spaß hier zu atmen. Zwei Studenten kamen uns entgegen, die sich über Politik unterhielten, die einzigen Worte, die ich verstand, waren „rechts“ und „links“.

Auf einer Anhöhe gingen wir mitten durch einen von größeren Bäumen gesäumten Weg, ihre Kronen bildeten ein grünes Dach. Ein paar Schritte weiter würden wir in eine neue, wie es schien offene Landschaft kommen. Ich konnte das Blau eines Himmels erkennen, der klarer wirkte, als jener in der Wüste, es war ein Blau, das ich nicht kannte, trotzdem fühlte es sich ganz vertraulich an.

Zu dem Gefühl kam noch etwas hinzu, für das mir kein Wort einfiel. Es fühlte sich an, als hätte ich beim Durchwandern der lichtdurchtränkten Wüstengegend die Sonne in mich aufgenommen, wie eine Suppe, als würde dieses Licht nun mit jedem Atemzug in mir aufgehen, nicht als etwas Blendendes im Außen, sondern still, in mir, wie eine schwarze Sonne, die ich nicht sehen konnte. Aber sie war da.

Erst jetzt fiel mir auf, dass meine Schwester und Mutter und ich den ganzen Weg nicht miteinander sprachen, auch jetzt nicht. Wir lächelten einfach und gingen weiter.

 

Dann war der Traum zu Ende. Es war Morgen und draußen noch dunkel. Langsam stand ich auf, frühstückte etwas und ging pieseln. Ich legte mein Kinn in meine Hände und dachte an den Traum, an das Gelbe der Wüstenlandschaft, das schwarz und weiße Fell des Heidschnuckens, das Grüne des Übergangs und das Blaue.

Über Gelb und Blau, erinnerte ich mich, schrieb Goethe, in dessen römischer Wohnung auf der Via del Corso ich mal ein halbes Jahr hauste, in seinen Ideen zur Farbphysik, es seien die einzigen beiden reinen Farben, die sich diametral gegenüberstehen, Blau, so Goethe, an der Grenze zur Dunkelheit, Gelb an der Grenze zum Licht.

Leonardo da Vinci, der auch mal ein paar Jährchen in Rom lebte und am Vatikan arbeitete, sagte über Blau, dass es das Ergebnis einer Mischung aus Sonnenlicht und der Schwärze der Weltfinsternis sei.

Als ich so auf dem Klo saß und an all das dachte, wirbelten die Farben und Gedanken in mir, wie ein wilder Sturm. Und ich fand es schön dazusitzen mit einem Lächeln, das leuchtet, wie ein Turm, ein Turm im Sturm.

Später malte ich einen Esel, ließ die Bilder wirken und hatte einen schönen Tag.

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Am nächsten Tag, dem 21. Januar, telefonierte ich mit einer Freundin. Sie erzählte mir von der Inauguration in Washington und ich wurde etwas neugierig. So schaute ich mir Sekundenweise ein paar Schnipsel an, Worte von Joe Biden, von Kamala Harris und Szenen, wie die Sängerinnen Jennifer Lopez und Lady Gaga jeweils von einem Soldaten in Uniform und mit weißer Tellerkappe auf eine Bühne gebracht wurden.

Als der Soldat Lady Gaga führte, umfasste er dabei ihren Oberarm, dass es aussah, als hätten zwei Kinder Räuber und Gendarm gespielt und der Soldat hatte Lady Gaga geschnappt. Die Bühne selbst war keine richtige Bühne, sondern ein Balkon, der in ein Meer von Nichts ragte. Dort stimmte Lady Gaga begleitet von einem Orchester die Nationalhymne an. Alle legten sich die Hand auf‘s Herz und standen da, wie versteinert, nur dachte ich, dass ich Steine dem Ausdruck ihres Wesens nach tatsächlich lebendiger finde, selbst wenn Lady Gaga in manchen Takten fast schrie.

 

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Ich skippte danach zu einem etwa 5-minütigen Vortrag der Dichterin Amanda Gorman. Sie las ein Gedicht bei der Inauguration und ihr Text wurde vom Moderator vorgestellt, als „Poetry and Prayer“, also als „Gedicht und Gebet“.

Ich schreibe selber gerne Gedichte auf und erfinde Gebete, so hatte ich Interesse zuzuhören:

„Mr. President, Dr. Biden, Mrs. Vice-President, Mr. Emhoff, Americans, and the World…“, so begrüßte sie die Zuhörer. Bei dieser Begrüßung fielen mir Erzählungen oder Märchen aus dem Mittelalter ein, oben an der Spitze ein Königspaar, die beiden Bidens, dann kommt eine Prinzessin und ihr Gemahl, Kamala Harris und Douglas Emhoff, dann der Hofstaat, die Amerikaner, und dann das Fußvolk, das als die Welt bezeichnet wird.

Das folgende Gedicht der Dichterin empfand ich dann wortwörtlich als Verdichten dieser Hierarchie. Es heißt The hill we climb und beschwört die Formel des From rags to riches, also vom Tellerwäscher zum Millionär, das Narrativ des American Dream, wo aus allen hard working people, also Leuten, die hart arbeiten, was werden kann. Ich denke bei dem Begriff immer so: heart working people.  

Der Titel des Gedichts bezieht sich auf die ersten Siedler und patriarchalen Gründerväter, auf jene City upon a hill, wie John Winthrop, Puritaner aus England, sie bei der Gründung einer Kolonie im Nordosten Amerikas in der Predigt A Model of Christian Charity von 1630 beschrieb: „Wir müssen davon ausgehen, dass wir wie eine Stadt auf einem Hügel sein sollen. Die Blicke aller Menschen richten sich auf uns.“ Winthrop wiederum bezog sich offensichtlich auf das Matthäusevangelium, wo Jesus während der Bergpredigt (MT 5,14) laut Bibel etwa sagte: „Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben.“

 

Das Licht der Welt, wie Jesus es meinte, ist ein Hinweis auf die eine Wahrheit in jedem Menschen, als das innere Licht, wie eine Stadt auf einem Berg, vielleicht eine Stadt mit einem Tempel in der Mitte, ein Tempelberg sozusagen, wie der in Jerusalem, als inneres Heiligtum eines Menschen, in dem er sogar den anderen begegnet, bei sich.

Warum auf einem Berg? Weil die Stadt so, metaphorisch interpretiert, über den Dingen liegt und so Einsicht bietet, in das, was Menschen sind, was ich bin.

Die Stadt ist so gesehen, wie ein Spiegel dessen, was die eigene Seele ist. Das zeigen auch die Worte selbst und ihre Zahlen. Der Zahlenwert von „Stadt“ ist nämlich 64 und ihr Spiegelbild, die 46, ist der Zahlenwert vom Wort „Seele“.

So ist es auch schön zu „überlegen“, was das Ereignis der Tempelreinigung bedeuten kann, wie’s zum Beispiel im Matthäusevangelium Kapitel 21,12ff beschrieben wird oder im Johannesevangelium 2,19: „Reißt diesen Tempel nieder und in drei Tagen will ich ihn aufrichten“ – sozusagen, auf 3, wie es zum Beispiel in der Musik heißt: 1, 2 und 3!

 

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Die Tempelreinigung in Jerusalem und das, was das Gedicht im Rahmen der Inauguration für mich bedeutete, passt übrigens wortwörtlich beim Blick auf die Silben des Wortes „Wash-ing-ton“:

Wash-: Englisches Wort für Reinigung, Klärung, Wäsche.

-ing-: Englisches Suffix mit der Bedeutung Stamm, Gemeinschaft von Leuten eines bestimmten Ortes

-ton: Englisches Suffix, dass ein eingeschlossenes Dorf, umzäuntes Fort bezeichnet

„Wir schmieden eine Gemeinschaft mit einem Ziel, ein Land zusammenzubringen, für alle Kulturen, Farben, Temperamente, Bedingungen. Und so heben wir unseren Blick nicht auf das, was zwischen uns steht, sondern auf das, was uns bevorsteht. Wir überwinden, was trennt, wissen wir doch, was „Zukunft zuerst“ verlangt, nämlich alle Differenzen aus dem Weg zu räumen“, hieß es im Gedicht.

Dieses Wir, als Gemeinschaft, die sich selber schmiedet, wirkte auf mich tatsächlich, wie ein Stamm, bzw. ein Klumpen aus Eisen oder Gold, umzäunt wie ein Fort bzw. eingeschlossen in sich. Ich dachte, dass dieses Wir, das auch jenes war, dass den Wahlsieg Joe Bidens feierte an diesem Tag, mit dem Ziel, „ein Land zusammenzubringen“ und „Differenzen aus dem Weg [zu] räumen“, Mechanismen der Machtspaltung und Ausgrenzung auf indirekte Weise bewirkt, wie’s der Gegenspieler Donald Trump, sozusagen, als Einzelner, auf direkte Weise, etwa in seinen Twitter-Posts, zum Ausdruck gebracht hat.

Nutzt Amanda Gorman den Slogan „Zukunft zuerst“ fällt hier auch der scheinbare Widerspruch zu Donald Trumps „Amerika zuerst“, Slogan auf. Ein göttliches: „Me first“, in jedem Augenblick, das Vergangenheit und Zukunft ganz geistes-gegenwärtig, ganz körperlich eint, ist vielleicht ein Satz, wo beide hinmöchten. Allerdings einander widersprechend. Übrigens, ein „Me first“ könnte auch als Lösungsquelle für ein „Me too“ dienen.

 

Anyway, als ich weiter den Worten lauschte, wirkte in mir alles so vollkommen auf den Kopf gestellt. Dieses komplette Sich-auf-den-Kopf gestellt-fühlen drückte sich auch durch den Schauplatz des Events in Washington selbst aus: Das Kapitol.

Ursprünglich bezeichnet der Name einen der sieben Hügel des antiken Roms mit dem Tempel des Jupiter und leitet sich her vom lateinischen Wort „capitus“: Kopf.

Mir fiel das Evangelium nach Maria ein, jene gnostische Schrift aus den Apokryphen des Neuen Testaments, mit dem ich loslegte, wo steht: „Denn die Natur der Materie wird aufgelöst in ihre alleinige Natur.“ Das bedeutet zum Beispiel, dass Differenzen dazu führen, dass ich mir, als Mensch auch durch Auflösungsprozesse meiner alleinigen Natur bewusst werde, und dann wirkt im Grunde alles, was passiert, an Auflösungen und Differenzen und Trennungen und Quarantänen in dieser Zeit ganz anders, nämlich auf eine Art schön und natürlich, natürlich schön.

 

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„Aber während sie die Demokratie immer wieder aufhalten können, sie können sie nie auf Dauer besiegen. Auf diese Wahrheit, auf diesen Glauben vertrauen wir.“

Die zerstörerischen Kräfte, auf die das Gedicht hier und an anderen Stellen hinweist und die sich in den vergangenen Jahrzehnten und zuletzt immer häufiger entladen und von politischen Entscheidungsträgern als Angriffe auf die Demokratie und Freiheit festgestellt und medial vermittelt werden, sind, genau genommen, keine Angriffe gegen die Demokratie, auch wenn es als Gegeneinander zu beobachten ist. Was im Gedicht und auch von Medien und Entscheidungsträgern demokratischer Gesellschaften immer wieder als Angriff gewichtet wird, ist tatsächlich dessen Gegenteil, in dem sich nur ein Widerstand äußert und entlädt, nämlich etwas mühselig Erworbenes und scheinbar Alternativloses zu überwinden. So sind im Grunde Phänomene, wie der sogenannte Sturm auf das Kapitol, oder ein Präsident, wie Donald Trump, letztlich alle Terroraktionen nicht nur systemimmanent, sondern sogar systemrelevant.

Das zeigt die lateinische Wortherkunft relevare: In die Höhe heben, bildlich nach dem Wiegevorgang einer Balkenwaage. Jeder will sich gerne mal hochgelobt fühlen und in der Höhe, egal ob ins Paradies, ins Präsidialamt, als Inaugural-Poet-Star, als Klassensprecher oder Klassenclown, oder eben genau das Gegenteil.

Wahlsiege auf dem Spielplatz demokratischer Systeme für diese oder jene Seite, den Elefant oder das Pferd, wie etwa in Amerika, oder für diese oder jene Farbe, wie etwa in Deutschland, ändern an der Struktur des Systems nichts. Es ist nur wie ein Seitenwechsel beim Fußball nach der Halbzeit, ein ständiges Hin und Her und dabei ziemlich einseitig. Jegliche Bemühungen um Diversität, um die Erkenntnis von Unterschieden und Ähnlichkeiten, wachsen auf so einem Boden nicht. Es bewirkt Veränderung in mir und durch mich, wenn ich einfach verstehe, nichts bekämpfe, gegen nichts demonstrieren, dass Disbalancen und Ungerechtigkeiten eine Konsequenz in der Struktur dieses Systems ist, das immer nur eine Seite oder eine bestimmte Gruppe oder Person begünstigt.

Was bringt mir persönlich diese Erkenntnis? Die Waage, als Werkzeug, wo immer etwas in die Höhe gehoben wird und bei der das Ausbalancieren einem Stillstand gleicht, funktioniert nicht – nicht mehr. Sie hat funktioniert, um das Gewicht der Welt zu wiegen, uns selbst, hin und her, von links nach rechts, wie ein Kindlein, das die Seele ist, mit dem Körper, als sein Seelengefährt oder -wagen, die sich immer kleiner und kleiner macht, bis der kleinste Punkt erreicht ist, der durchs Nadelöhr geht. Und so beginnt nach einer Phase des Kleinmachens und Mickrigsein die Ausdehnung, das Wachsen.

Dazu passt auch die Idee, dass die Seele 21 Gramm wiegt. Duncan MacDougall, ein amerikanischer Arzt, bestimmte dieses Gewicht in wissenschaftlichen Experimenten. Gut möglich, dass sich MacDougall von der ikonographischen Seelenwaage des Erzengels Michael inspiriert fühlte oder der Psychostasie im Altägyptischen Totenbuch, wo das Herz eines Menschen nach seinem Leben gewogen wird (vgl. 5. Herzkammer). Ob die Ergebnisse des Experiments zutreffen mögen oder nicht, was interessant ist, ist die Qualität der 21, quasi als neues Idealgewicht.

Somit funktioniert auch der ständige Seitenwechsel nicht mehr, das Spiel ist vorbei, wie nach einem Abpfiff! Und wenn es eine Nachspielzeit gibt, dann bloß, um zu verstehen, dass es jetzt gar nicht mehr darum geht etwas hinterherzulaufen, sich auf irgendeinen Gipfel hoch zu mühen, zu gewinnen oder zu verlieren. Wie auch immer der Spielstand sein mag. Das entscheidende ist, das Spiel ist vorbei. Es ist vollbracht! Spiel! Satz! Und Sieg!

 

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Eine Zeit lang habe ich auch gerne Fußball gespielt. Ich war sogar mal für ein halbes Jahr in einem Verein, bin aber wieder rausgegangen, weil ich nur Ersatzspieler war und der Trainer ein Schreihals. Sowas fand ich für mich, als 7-Jährigen, unangemessen. In dem halben Jahr, als Fußballer in einem Verein, dessen Farben Schwarz und Weiß waren, bin ich sogar mal vom Platz geflogen, weil ich jemanden weggegrätscht habe und nachdem der Schiedsrichter mich ermahnte, sagte ich zu ihm: „Du Arschloch!“ Der Schiedsrichter dieses Spiels war mein Vater und schickte mich für ein paar Minuten vom Spielfeld. Als das Spiel vorbei war, hat mein Vater gelächelt, wir haben uns umarmt, gingen Hand in Hand aus dem Stadion und fuhren nach Hause.
Mit solchen Erfahrungen fühle ich auf meine Art mit dem, was in mir und was im Moment in der Welt draußen passiert, Mitgefühl, als das Mit dem Göttlichen-Fühlen.

 

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Ist es „die Natur der Materie, sich aufzulösen in ihre alleinige Natur“, kann Donald Trump, ja einfach ein Werkzeug sein, eine universelle Wildcard, als Oberhammer, der auf diesen Klotz aus Eisen oder Gold, also diese „geschmiedete Gesellschaft“, wie es im Gedicht heißt, klopft, damit der Klotz zerspringt und zurück zum Ursprung kommen kann. Das macht Donald Trump natürlich mit genauso wenig Bewusstsein für den gesamten Schmiedeprozess, wie die andere Seite.

Nur so gesehen ist der Oberhammer auf jeden Fall ein wichtiges Werkzeug für einen Schmied. Auch dass Coronavirus passt dazu, wie ein Drache, ist dieses Phänomen, wie das heiße Feuer eines Schmelzofens, ein wesentliches Tool in einer Schmiede, einer Schöpferwerkstatt, wie der Oberhammer.

Mir persönlich fällt zu dem Klotz aus Eisen oder Gold und zum Schmieden mit Drache und Hammer wieder etwas aus der Bibel ein, nämlich eine Szene, wo Johannes der Täufer Jesus sieht und etwas sagt, ich nehme hier mal die bayerische Übersetzung: „Er mueß aufgeen, i verglüe'n.“

 

Es ist ja eine Möglichkeit, einfach Zuhause sitzen, die Ruhe genießen und gelassen und fröhlich sein, und dann kann das, was man nicht mehr brauch, einfach von selbst verglühen, sodass aufgeht, was sowieso schon aufgegangen sein wird, wie das Licht in der Welt, wie eine innere Sonne. Dann brauche ich in meiner Welt keinen Oberhammer und keinen Drachen, weil ich weiß, dass ich ganz von alleine wachse, weil ich selbst das Licht bin, selbst der Oberhammer, und zum Drachen, vielleicht lassen wir durch Michael Ende ein paar der schönsten Drachenworte sprechen, die ich kenne, ausgesprochen in der Erzählung Jim Knopf und die Wilde 13 von Frau Malzahn, deren Figur, zunächst Gegenspielerin von Jim Knopf und Lukas, dem Lokomotivführer, die Transformation von Qualitäten beschreibt, wenn sie nicht eliminiert, nicht verurteilt werden, weil sie sich letztlich sowieso nicht eliminieren und verurteilen lassen, nur erkennen und verstehen:

 

„Sagen Sie, Frau Mahlzahn, Sie werden doch nicht sterben?“
„Nein“, antwortete der Drache und es war, als ob für eine Sekunde ein Lächeln über sein hässliches Gesicht huschte. „Es geht mir ganz gut, macht euch keine Sorgen um mich. Ich habe euch nur rufen lassen, um mich bei euch zu bedanken.“
„Wofür denn?", fragte Lukas, zum ersten Mal genauso verblüfft wie Jim, der vor Staunen wieder mal kugelrunde Augen bekam.
„Dafür, dass ihr mich überwunden habt, ohne mich zu töten. Wer einen Drachen überwinden kann, ohne ihn umzubringen, der hilft ihm, sich zu verwandeln. Niemand, der böse ist, ist dabei besonders glücklich, müsst ihr wissen. Und wir Drachen sind eigentlich nur so böse, damit jemand kommt und uns besiegt. Leider werden wir allerdings dabei meistens umgebracht. Aber wenn das nicht der Fall ist, so wie bei euch und mir, dann geschieht etwas sehr Wunderbares...“

 

*

 

Dann war es Nachmittag, Donnerstag, der 21. Januar. Ich legte ich mich hin und kuschelte mich ein und flüsterte mit einem Lächeln: Ich bin erschöpft, ganz schön erschöpft, er schöpft, ich und er, er und sie, sie mit mir, Hand in Hand…

Ich lag ich auf der Couch und schlief wieder ein. Ich war wieder auf dem Pfad zwischen den Bäumen, vor mir das offene Land und das Blau. Niemand sonst. Nur ich und die Bäume und das Blau. Schwester? Mutter? Wo seid Ihr?

Vielleicht waren sie in der Nähe, ich fühlte etwas. Nur sah ich sie nicht mehr. Ich sah an dieser Stelle niemand. Ich machte einen Schritt.

Das ist mein Weg.

Hierher konnte niemand mitgehen. 

So ging ich weiter, weiter ins Blaue, still und langsam.

Dann wachte ich auf mit einer Stimme in mir, sie lächelte und flüsterte:

Alles ist da. Das bist Du.

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