Vom eisernen Heinrich

und dem Schwinden der

Trennungsschichten

Ich habe viele Lieblingsgeschichten. Eine davon leitet den Kinder- und Hausschatz ein, eine 210 Märchen umfassende Sammlung, die im Laufe von 1812 bis 1858, in mehreren Bänden erschien, herausgegeben von zwei Sprachwissenschaftlern und Volkskundlern, den Brüdern Wilhelm und Jacob Grimm.
Eine Reprint-Ausgabe, als großes rotes Buch, stand in einem Regal im Haus meiner Großmutter neben dem Neuen Testament der Lutherbibel, eingebunden in dasselbe Rot. Sie hatte kaum mehr Bücher, noch ein paar Back- und Kochmagazine, Kataloge und Notizbücher mit Schnittmustern – sie war Schneidermeisterin –, und ein paar Heftchen mit Marienerzählungen aus dem Wallfahrtsort Lourdes in Südfrankreich.

Meine Großmutter sprach wenig und lächelte viel. Ihr stilles Wesen schenkte mir mehr Worte, als jedes Buch. Für mich war sie so ganz körperlich ein leibhaftiger Atlas stiller Güte und Schönheit, der in mir einen Forschergeist weckte, verbunden mit der Liebe und Lust, ins Leben zu wachsen, wie in ein zu entdeckendes Geheimnis. Während ich größer wurde, wurde meine Oma kleiner, wir wuchsen beide, im Großen, ins Kleinste des Körpers. So waren wir ein echtes Forscherteam, gleichsam jeder auf seinem eigenen Weg. Und wenn wir uns mal in die Quere kamen, ließen wir's krachen. So lernte jeder für sich etwas über göttlich natürliche Qualitäten, wie Zerstörung, Verlust und Auflösung und wir staunten gemeinsam über das Leben und was alles dazugehört.

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Manchmal las meine Großmutter mir und meiner Schwester Märchen vor aus dem dicken roten Bündel der Brüder Grimm. Ich erinnere, wie ich dabei ihre Haut beobachtete, mokkafarben und faltig, hier und da kleine Muttermale, wie die Land- und Sternenkarte eines Universums, das durch ihre Haut, wie durch das Seidenpapier einer Laterne hindurch leuchtete.

Wenn ich sie berührte oder einen kleinen Weg mit einem Finger die Falten nachfuhr, überraschte mich jedes Mal die Wärme und das Weiche. Die Falten und Male selbst waren nicht fühlbar.

Mit jedem Jahr kamen weitere Länder und Sterne hinzu bis meine Großmutter 2019 an einem Herbstabend 96-jährig auf ihrem Sofa saß und zu uns sagte: „Das Leben war schön. Jetzt ist es genug.“
Tags zuvor hatte sie noch eine Partie Rummikub mit ihrer Freundin gespielt und tags drauf zog sie am Nachmittag um und aus dem Körper aus, der auch meine Mutter in die Welt gebracht hatte, so wie meine Mutter mich und meine Schwester.

Meine Großmutter lächelte nochmal, auch wenn es für sie zuweilen deutlich anstrengend war, das Sterben zu erleben.
Schließlich ließ sie die Hände los von Leuten, die da waren, als lichtete sie den Anker.
Dann wurde sie ganz still, ihre Atemzüge immer länger und leiser, mit großen Pausen dazwischen, bis sie mit einer Böe davon segelte.
Während wir zwei Stunden später mit der Bestatterin den Körper meiner Großmutter wuschen und ihr ein Trachtenkleid anzogen, das sie sich abends zuvor ausgesucht hatte, sah ich ein letztes Mal die Länder und Sterne auf ihrer Haut. Die Länder und Sterne verblassten. Dann legten wir den Körper in den Sarg, wie in einen Geschenkkarton.
Umso leuchtender und wesentlich fühlte ich ihre Anwesenheit, lächelnd und schön, groß und gütig, in diesem Gefühl begegne ich mir selbst, und ihr, den Menschen überhaupt, immer mehr, immer wieder.

„Zuhause“, dachte ich.

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Jenes Lieblingsmärchen Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich las sie mir und meiner Schwester vor, als wir Kinder waren, zuhause auf dem Rasen vor den Kaninchenställen, im Wohnzimmer auf einem weichen Teppich, den mein Großvater geknüpft hatte, oder auf dem Sofa. Nah beieinander saßen wir, wie junge und alte Löwen, die sich mögen.

Warum ich das Märchen mag? Vor allem wegen eines Gedichts am Ende, wenn die Königstochter und der Königssohn, erlöst vom Froschzauber, gemeinsam in einer Kutsche fahren und aufhorchen:

„Heinrich, der Wagen bricht!“ –
„Nein, Herr, der Wagen nicht,
es ist ein Band von meinem Herzen,
das da lag in großen Schmerzen,
als ihr in dem Brunnen saßt,
als ihr eine Fretsche (Frosch) was’t (wart).“

Heinrich ist der Diener des Königssohns, der, bevor er von einer „bösen Hexe“ in einen Frosch verzaubert wurde, auch schon ein Prinz war. Warum der Prinz verzaubert wurde und Genaueres zur Hexe und dem Grund für ihre Zauberei, dazu gibt’s keine Infos im Märchen, das sich im Volksmund ursprünglich als „Vom eisernen Heinrich“ erzählt wurde, dessen Figur selber erst in den letzten Sätzen des Märchens auftaucht.

Dreimal, so heißt es kurz in der Erzählung vor dem Gedicht, hatte der Diener ein eisernes Band um sein Herz gebunden, während der Zeit, als sein Herr ein Frosch war. Warum? Damit es ihm nicht vor „Weh und Traurigkeit zerspränge“. Was im Märchen als Treue beschrieben wird, ist Ausdruck puren Mitleids und der Unfreiheit Heinrichs.

Anagrammatisch lässt sich das Wort Diener übrigens auch als „Dreien“ lesen, ein gedritteltes Herz oder verborgen hinter drei Schichten, für eine gewisse Zeit. Die Frage, ob der Schmerz, den solche festen Bande verursachen, nicht viel mehr weh tut, als jener, den Heinrich unterdrückt hatte, stellt sich am Ende nicht mehr, denn die alten Bande brechen. Was dann folgt, was sich dann offenbart, davon erzählt das Märchen nicht. Hier geht es, so nehme ich es, als Leser im Jahr 21 des 21. Jahrhunderts wahr, um das Brechen eines alten Bruchs, den Bruch mit einer schmerzvollen Zeit, die nun vorbei ist, fertig, eine Zeit der Gefangenheit, in einem Käfig, dessen Zaun plötzlich klein wirkt, wie eine Schwelle.

 

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Heinrichs Beiname, als der „Eiserne“, ist hier auch zeitgeistig interessant: So ist Eisen mit der Abkürzung FE für lateinisch Ferrum die 26. Ordnungszahl im chemischen Periodensystem. Außerdem wurde Eisen im alchemistischen Konnex mit Männlichkeit und dem Planeten Mars assoziiert, der auch dem März, als 3. Monat, seinen Namen gibt. Das Jahr 2021, als 23 (2+0+21) betrachtet, ist summiert mit der 3, als 3. Monat, 26.
Und Erz, als klingender Laut im Wort März ist genauso wie im Wort Herz, Ausgangsstoff für Roheisen. Dessen oxidierter Staub auch die Oberfläche des eben erwähnten rostigen Planetens bedeckt: Mars.

Auch ein Verweis auf die Comic-Serie The legend of Prince Vailant, im Deutschen Prinz Eisenherz, rund um die Artuslegende, gestaltet vom Autor und Zeichner Hal Foster, sei gegeben, sowie auf ein weiteres Märchen aus dem Grimmschen Kinder- und Hausschatz: Der Eisenhans.

Dann meldet sich die Zahl 26 als gematische Deutung zum Gott der Israeliten mit dem Kürzel YHWH (hebräische Konsonanten: Y: Jod/10 + H: He/8 + W: Waw/6 + H: He/8) und die Verbindung mit dem 26. Satz des 1. Genesiskapitels – wirklichsam und erneuernd: „Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen, als unser Ebenbild, uns ähnlich.“
Nebenbei, es heißt, „Unser Abbild“. Dass der Schöpfergott der Genesis hier auch eingebunden ist in eine Gemeinschaft, ist bemerkenswert. Zyklisch betrachtet, ebenfalls ein Ausdruck der 26, durch die 260 Tage, die ein Jahr im Mayakalender hat oder die 26000 Jahre, die als ein platonisches Jahr benannt sind, können wir jetzt durchaus von der Gottwerdung des Menschen sprechen und gleichsam von der Menschwerdung Gottes – Hand in Hand!

 

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Eisen ist übrigens bedeutsam als Spurenelement fast aller Lebewesen und hier Bestandteil der roten Blutkörperchen, der Sauerstoff in die Körperzellen transportiert, wo durch die Doppelspirale (13+13=26), als Abbild göttlicher Virtualität, kosmische Schöpfungsintelligenz als seelische Wirkmacht körperlich lebendig wird (s. hierzu: Ingrid Raßelenberg „Zahlenphysik“, S.70ff).

So bindet sich über Eisen, als elementarem Bestandteil des Blutes mit seiner mag-net-ischen Kraft, die Seele (26 ist die 9. Seelenzahl) an den Körper und lässt die Energiequalität der 26 vom menschlichen Abbild als Spiegel des Göttlichen erkennen und -leben.
Mag dieses Passieren unsichtbar sein, so lässt es sich gleichwohl als innerlich sonnige und freie Schwingung urpersönlich empfinden, egal was, wie, wo um einen herum passieren mag.

Interessant ist auch der Konnex des Namens Heinrich und Jesus, zwei Namen mit dem Zahlenwert 74 und im Wort Heinrich gibt’s einen direkten Bezug zu Jesus, dem Nazarener, als König der Juden, nämlich: He-INRI-Ch. War diese Inschrift vor 2000 Jahren auch Ausdruck der Verspottung und Unterdrückung des Königinnerlichen, des Göttlichen im Menschen, lässt sich jetzt klar sagen: ICH genauso wie Jede, Jeder andere ist die königliche, göttliche Instanz im eigenen Reich, das nicht mehr oder weniger wert ist, als ein anderes auch.

Wer diese lebendige Art Herrschaftsprinzip für sich versteht widerspricht nicht dem gemeinsamen Leben, im Gegenteil ist das Potential eines Gemeinsam erst dann aktiv, wenn das Göttliche, als mein Same, also ge-mein-sam, sich bewusst entwickeln kann, das heißt, keine Regeln, keine Unterdrückung, keine Angst, absolute Offenheit in Bezogenheit auf meine Gefühle, meine Gedanken, mein Göttliches.
Das bricht alles, von ganz allein, das Selbst- und Weltverständnis alter, fertiger Sitten, einschließlich aller Bande und Bedrückungen des Herzens, durch Erfahrung und Verständnis des Selbst, das sich seiner Großartigkeit, seiner Unkaputtbarkeit bewusst ist.

 

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Ebenfalls aus der Ontologischen Mathematik weiß ich, dass die Zahlen eins, zwei und drei die Energiequelle sind, aus der sich göttliche Lebendigkeit in allen denkbaren Körperwelten erschafft. Alle Art von Bewusstseinsäußerung beinhaltet diese geistreiche Trinität von Licht–Liebe–Leben oder Geist–Seele–Körper.

Heinrich, als „treuer“ Diener, figuriert hier auf for-mi-dable Weise diese Dreiheit mit Blick auf die Entwicklungsdynamik schöpferischen Selbst-Bewusstseins, das seine Existenz und die ganze Bandbreite der Gefühle zunächst an einen äußeren Körper bindet, als Diener seines Herrn, des Königssohns. Hierüber bildet sich in Heinrich ein Bewusstsein für seinen eigenen Körper aus mit glücklichem Ende, denn die Bande brechen auf dem Weg ins Neue Königreich, dreimal.

Es ist also das mittelalterliche Konzept der Leibeigenschaft und Leibherrschaft, das sich hier zeigt und auch heute noch in gesellschaftlichen Gewohnheiten wirksam ist, wie ich zum Beispiel während einer halbjährlichen Hospitanz in einer Arztpraxis beobachtete, wo sich das Körperbefinden vieler sich vor allem nach dem richtete, was die Ärztin diagnostizierte. So stellt sich Körperhaftigkeit als Körperhaft dar im klaren Wortsinn.

Was auf den ersten Blick, wie einander ausschließende Dualismen wirkt, ist in Wirklichkeit mehr. Denn zwischen Leibeigenschaft und Leibherrschaft, zwischen Patient und Ärztin, zwischen Diener und Herr gibt es immer ein Drittes, nämlich das Bindewort und. Weil dieses Wort nicht erkannt ist, also unbewusst, wirkt es, wie eine unsichtbare Trennungsschicht, hinter der sich das Leben, um sich über eine erste und zweite Dimension in eine dritte zu entwickeln und ein Ich auszubilden, schützen und verstecken muss – genauer, sich schützen und verstecken musste: Denn mit dem Jahr 21 im 21. Jahrhundert erkennt sich der ganzheitliche Mensch als Krone der Schöpfung, das kleine ich fühlt sich als großes ICH.

Das zeigt sich auch in den ersten drei Zahlworten in der deutschen Sprache: Eins, zwei, drei sind die einzigen Zahlen bis zur 10 mit der Silbe „ei“; „ei“, wie drei Eier, die im Schoß eines Nests reifen; oder ein Ei, als englisch „I“: Ich.
Diese Deutung legt auch der zweisilbige Wortname „Heinrich“ nah mit dem „-ei-“ in der ersten Silbe und dem „-ich“ in der zweiten.
In diesem Zusammenhang ist auch die Wortwurzel von Heinrich interessant. Der bereits im Mittelalter gebräuchliche Vorname Heinrich entstammt dem althochdeutschen Namen Heimrich oder Haganrich und trägt die Bedeutung Hausherr oder Herr im Haus. Das leitet sich her aus den althochdeutschen Bezeichnungen hagan für Hof beziehungsweise heim für Haus und rîhhi für Fürst, reich und mächtig.
Das kleine Ich reifend im Nest des 3D-Zeitraums, in der Enge der eigenen Schale, wie in einem Ei, aus dem es schließlich schlüpft, als erwachsenes ICH, das liebe- und machtvoll herrscht im eigenen Reich.

 

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Das Spielzeug der Prinzessin spiegelt mit der goldenen Kugel ebenso dieselbe Machtthematik, in diesem Fall des römischen Reichs, als globus cruciger, als Reichsapfel, die auch als Sphärenkugel auf Christusbildnissen des Salvator mundi im Spätmittelalter auftaucht. Hier zeigt sich durch das Motiv des Kreuzes die Verschränkung von geistiger und politischer Macht.

Somit steht diese Kugel für den Entwicklungsprozess des Schöpfungsbewusstseins, das bis zum Äußersten geht, himmlisch, wie irdisch, im Guten, wie im Schlechten, um dann, weil die Kugel, nachdem der Frosch sie der Prinzessin zurückbringt im Märchen keine Rolle mehr spielt, auf den Reifeprozess als inniges Geschehen hinzuweisen, wo sich die Gegensätze einen.

Die goldene Kugel, als Spielzeug, ist entsprechend auch Ausdruck für die Kinderphase des göttlichen Bewusstseins, dass sich in und durch uns Menschen entfaltet, auch hierzu passt das oben erwähnte: Ei, ei, ei, nämlich als Redewendung aus der Kindersprache, das Wiegen des Neugeborenen.

Dieser Bewusstseinswandel, der innerkörperlich im Zellkern wirksam ist und sich auf bewusstlos und ohnmächtigem Niveau mit Beginn des 21. Jahrhunderts beispielsweise als Krise des Klimas, der Bildung, der Geschlechter, der Generation, darstellt, ist ein planetarer Wandel im Kern der Erde selbst, der in der galaktischen Wiege der Milchstraße einen neuen Zyklus der Entwicklung einleitet. Ein Vergleich mit der Szene von Heinrichs heilendem Herz, dessen Sound der Prinz sorgenvoll, als drohendes Unheil interpretiert, ist durchaus angebracht.

Gleichzeitig ist das Gold der Kugel das 77. stabile Element im chemischen Ordnungssystem. Dieser Link zur 7. Meisterzahl ist qualitativer Ausdruck für das höchste Bewusstsein, sprich das Königinnerliche, das von Beginn an da ist.

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Die verschriftliche Herausgabe des Märchens zu Beginn des 19. Jahrhunderts entspricht somit der Energiequalität der 19, als Übergang aus dem Kinderbewusstsein, rein ins erwach(s)ene göttliche Bewusstsein und mit Blick auf das Quoph, den 19. Buchstaben im hebräischen Alphabet mit der Bedeutung Nadelöhr und Affe, dem Wendeweg auf eine neue Ebene; der „Heimkehr“ nach der Welterfahrung.
Das Ende des Märchens, in dem Prinz und Prinzessin und Heinrich gemeinsam in der Kutsche in das „Reich des Prinzen“ fahren, zeigt diesen Übergang rein in etwas ganz neues, ein neues Reich, einen neuen Zustand, ganz neu, der sich erstmal ganz innig äußert.
Denn der Bruch des Kutschrads, den der Prinz als äußere Erscheinung wahrnimmt, ist in Wahrheit ein innerer Prozess der Öffnung von Heinrichs bewegtem Herz, nicht nur als Figur, sondern ganz körperlich und mit einem Krach, spektakulär.

 

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So schaulicht das Märchen was möglich und nötig ist, wenn sich ein Göttliches Bewusstsein in uns und durch uns ausbildet und sich hierfür zunächst allerlei dramatische Settings kreiert, angefangen mit einer goldenen Kugel, welche die Geschichte überhaupt erst „ins Rollen“ bringt und jene Dramatik von himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt gleich zu Beginn absteckt, indem die Prinzessin ihr goldenes Spielzeug erstmal so hoch wirft, dass sie daraufhin im Brackwasser eines tiefen Brunnens landet.

Damit sind auch die Sphären Himmel und Erde, Männlich und Weiblich, Licht und Schatten abgesteckt, mit der Prinzessin in der Mitte, wie jenes noch unbewusste „Und“, eingehüllt in einen matriarchalen Ur-Zustand, der Himmlisches und Irdisches noch gar nicht erkennt, weil noch gar kein Selbst-Bewusstsein vorhanden ist. Darum ist die Prinzessin auch eine Prinzessin und noch keine Königin.
Darum braucht sie zuerst jenes Äußeres, an das sie sich bindet, an der alle Freude des Lebens hängt, kosmologischerweise. Die goldene Kugel, als persönliches Spielwerk, wie als planetare Spielwiese, steht somit auch für die Basis für die Entwicklung des Schöpferbewusstseins in und durch den Menschen, der, wie die Erde, alle Potentiale bereits in sich trägt, so wie ein Samenkorn, etwa einer Sonnenblume, alle Infos für die Blüte bereits in sich hat.

Darum ist die deprivative Reaktion der Prinzessin auf den Verlust ihres Spielwerks verständlich, auch, warum sie einen Deal mit dem Frosch vereinbart, der ihr die Kugel aus der Tiefe des Brunnens fischt, weil er sich auskennt in der Dunkelheit des Teichs, die er durchschaut durch den Akt des Fischens. Denn nachdem er die Kugel vom Grund holt, verlässt er den Teich, als Lebensraum, ohne Wiederkehr.   Als er entsprechend das letzte Versprechen des Deals eingelöst wissen will, nämlich gemeinsam mit der Prinzessin im selben Bett zu schlafen, lässt sie ihn in ihr Zimmer, nicht zuletzt weil ihr Vater, der König, unter Androhung von Strafe sie darauf hinweist: „Was man verspricht, muss man halten.“

Versprechen bedeutet übrigens nicht nur etwas verbindlich zuzusagen, sondern auch etwas versehentlich falsch auszusprechen oder Wörter zu verwechseln. Auch in dieser Aussage offenbart sich ein Bewusstsein, dass sich an Äußerlichkeiten halten muss, mitsamt Schwüren, Zusagen, die wie Zaubersprüche, durchaus verwirrend wirken können. Die Prinzessin ist also nicht weniger verzaubert als der Frosch. Und tatsächlich wird in der schrulligen Walt Disney-Verfilmung des Märchens mit dem Titel „Küss den Frosch“ von 2009 die Prinzessin in einen Frosch verzaubert.

Im Original hält die Prinzessin hält ihr Versprechen und lässt den Frosch also ein. Und der hüpft „Plitsch! Platsch! Plitsch! Platsch!“ über die Stufen im Flur und über die Türschwelle. Und dann, als sie alleine sind, pfeffert die Prinzessin ihn aus lauter Ekel und Wut „Bratsch!“ vor die Wand. Das tut dem Frosch aber nicht weh, im Gegenteil: Erst durch diese Aktion verwandelt er sich in den Königssohn, der er immer schon war, und zwar im selben Moment, wo er gegen die Wand klatscht.

Dieser Akt der Gewalt lässt sich für alle, welche die hier dargestellten Zustände als innige Bewusstseinsentwicklungsphasen erkennen, als g-öttliches Walt-en verstehen. Wenn auch noch unbewusst, die Transformation vom Frosch zum Mensch, zum Mann macht klar, hier ist gewaltiges am Werk.

Hier schenkt das Märchen die Erkenntnis, dass Gewalt durchaus eine Lösung ist, nämlich wenn sie als g-öttlich walt-endes Bewusstsein und Transformationsmacht erkannt wird. Der Aufstand der Prinzessin, mit dem sie sich auch gegen ihren alten König stellt, ermöglicht Erneuerung und bedeutet nicht Tod und Schuld, sondern den Anfang von etwas Neuem, weil es Tod und Schuld im Grunde gar nicht gibt.
Wer diese Vorgänge erkennt, brauch entsprechend keine Dramatik mehr, keine Demonstration, kein sich Dummstellen, um sich weiter zu entfalten zu lassen von diesem göttlichen Swing, in dem Wildheit und ein Klatschen gegen die Wand nicht weh tut, sondern einfach ein Gefühl ist, dass verwandelt, ganz körperlich, ganz zellulär.

 

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In Nachdichtungen des Märchens wurde die Szene, in der die Prinzessin den Frosch an die Wand knallt, übrigens durch einen Erlösungskuss ersetzt, was einen entscheidenden Moment, nämlich heiligen Zorn und Wut zum Ausdruck zu bringen und das Spiel von Übermacht und Ohnmacht zu erkennen, unterdrückt.
Ein Alltagsbeispiel zeigt, dass es im Massenbewusstsein bis heute kein Verständnis gibt für derlei Regungen, wenn Kindern in Grundschulen etwa pathologische Pollunder angezogen werden mit Aufdrucken, wie ADS, ADHS oder Autist und Asperger, alles Begriffe, die mit „A-“ beginnen und damit schlicht eine andere Art zu fühlen, absolut Alles anders zu denken und zu handeln ankündigen.

Solche Pathologien mitsamt ihrem Behandlungsbesteck versuchen Königskinder in Frösche zu verwandeln, die Zauberer sind hierbei letztlich selbst Königskinder, die am Brunnen stehen und darüber jammern, dass das Wasser viel zu tief ist. Anstatt in die Tiefe zu gehen und nachzuschauen, stehen sie am Rand und sind traurig.

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Heinrich taucht zwar im Verlauf des Märchens, wie 1812 in Grimms Kinder- und Hausschatz erstmals publiziert, erst am Ende auf, doch verkörpert er die Hingabe an jene Entwicklungsphase, auf die wir heute, mit herzensfroher Gelassenheit schauen können. Er verkörpert somit nicht bloß im Rahmen des Märchens das Herz der Geschichte, sondern ist lebendiger Ausdruck für ein stets bewegtes Herz, als Zentrum, als Kern der Entwicklung ganzheitlichen göttlichen Selbst-Bewusstseins.

Heinrich ist am Ende die Märchenfigur, die erkennt, nicht allein seinen Herrn, sondern, und das ist das Besondere in der Geschichte, seinen Schmerz, der sich mit der Erkenntnis löst, dass der „Zauber“ vorbei ist; jener „Zauber“ der Trennung von Ich und Welt, von Göttlich und Selbst.

Heinrich wirkt somit auch als das Erzähler-ICH in der Geschichte, als Diener, zwar an unterster Stufe eingebunden in die klassischen Hierarchien des Mittelalters. Doch er ist es, der die Kutsche lenkt und der Hinweis des ursprünglichen Titels, nämlich Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich, macht deutlich, dass es sich mit den beiden Figuren im Grunde auch um ein und dieselbe handelt, ein Ausdruck für das Schwinden der Trennungsschichten ist, die durchschaut werden, ein oder, das wie ein und wirkt.

 

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Zur Vereinigung der Gegensätze kommt es, wenn die Trennungsschichten schwinden, das bedeutet, sie werden diaphan, durchlässig, wie das Seidenpapier einer Laterne oder die Haut meiner Großmutter, unsere Haut, Ich in meiner Haut.

Das Trennungsbewusstsein wird im wahren Wortsinn durchschaut und Spaltung, als Lebensfördernd erkannt, wie bei der Zellteilung, das Überwinden des Spalts im Bewusstsein, eine Neu-organ-isation im Körper.
Jetzt kann auch das Bindewort und seine Wirkmacht entfalten und die Wunde der Trennung lichtet sich als Wunder eines wahren Körpers, ein Wunder, das nicht wir vollbringen, nicht ich, sondern das Göttliche in uns, das hier ist, wendungsreich, ganz da.

„Noch einmal und noch einmal hörte es der Prinz krachen, und meinte: der Wagen bräche, aber es waren nur die Bande, die vom Herzen des treuen Heinrich absprangen, weil sein Herr erlöst und glücklich war.“

 

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Meine Oma hatte übrigens einen Mann, meinen Opa. Er starb in den 90er Jahren, als ich und meine Schwester Kinder waren.
Ich erinnere zum Beispiel die Hände meines Großvaters, wenn er Kartoffeln schälte oder mit einer Harke im Garten arbeitete – im Gegensatz zu den Händen meiner Oma waren sie eher kühlend, als wärmend –, und seinen Atem, wenn er schlief, langsam und tief, den Mund ein bisschen geöffnet, so als gäbe es noch einen anderen Atem, einen ganz anderen Stoff, der uns nicht einfach nur am Leben hält, sondern der das Leben selbst ist, Hülle und Fülle, ewig.
Mein Opa starb morgens in der Früh. Meine Oma war bei ihm und erzählte, dass er ihr sagte, dass er sich nicht wohl fühlte. Dann hat sie seine Hand genommen, er hat nochmal tief geatmet – und ahoi…

Manchmal, wenn meine Oma unterwegs war, brieten ich und mein Opa Kartoffeln und aßen sie mit einer Gabel direkt aus der Pfanne – „wie die alten Germanen“, sagte mein Opa.

Meine Oma hieß übrigens Katharina, mein Opa: Heinrich.

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